Wahlmöglichkeiten: Ist es immer gut, welche zu haben?
LIKE ist das Mentoring-Jahresprogramm, das ich anbiete. Einmal im Monat treffen wir uns in kleiner Gruppe und besprechen, was gerade aktuell ist. Diesmal ging es um die Wahlmöglichkeit: Wie befreiend es ist zu erkennen, dass wir eine Wahl haben. Und wie schwierig es sein kann, wenn wir uns gefangen fühlen und keine Wahl sehen.
Und dann kam ein Gedanke bei einer Teilnehmerin auf: Was, wenn wir gar keine Wahlmöglichkeit brauchen?
Was für ein spannender Gedanke! Denn je nachdem, wo du gerade stehst, kann die Antwort eine andere sein.
Es gibt Zeiten, in denen es eine riesige Erleichterung ist, die Wahl zu sehen. Dann gibt es die Momente, wo du einfach nur froh bist, nicht entscheiden zu müssen. Und es gibt andere Zeiten, in denen sich die Frage nach einer Wahl gar nicht mehr stellt.
Daher lass uns tiefer tauchen, welche unterschiedlichen Phasen es gibt. In welcher findest du dich wieder?
Wenn ich keine Wahl sehe
Vor vielen Jahren kam eine junge Frau zu mir. Vor mir saß ein Häufchen Elend. Verzweifelt, traurig. Sie blickte sich in der Welt um, sah lauter glückliche Menschen. Und dann sie. Die Unzufriedenheit in Reinform. Als ob sich das Universum gegen sie verschworen hätte. Als hätte sie nicht auch ein wenig Glück verdient.
„Nichts in meinem Leben funktioniert. Mein Job ist anstrengend, fordert mich nicht und macht keinen Spaß. Meine Beziehung … da fehlt schon seit langem das Feuer. Ich möchte abnehmen, aber ganz gleich, was ich versuche, nichts wirkt. Mein ganzes Leben ist eine einzige Katastrophe.“
Wir hatten einige Sessions. Egal, welche neue Sichtweise ich ihr anbot, das Einzige, was ich erntete, war ein: „Ja, aber …“
Ich bin an sich ein sehr geduldiger Mensch, vor allem mit meinen Kund:innen. Aber da platzte mir der Kragen und ich sagte: „Schau, du kannst jetzt noch weiter jammern oder du veränderst was.“
Oh, dachte ich mir, das war’s, und bereitete in Gedanken schon die Rücküberweisung vor.
Stattdessen wurde sie ganz still. Dann sah sie mich an und sagte leise: „Du hast recht! Es liegt an mir, ich kann was verändern.“
Der Befreiungs-Schlag
Die Monate danach waren nicht immer einfach. Aber ein Jahr später hatte sich ihr gesamtes Leben verändert. Oder eigentlich auch nicht. Sie hatte noch immer denselben Job, die gleiche Beziehung. Wohnte im selben Haus, verdiente das gleiche Geld.
Trotzdem … aus dem „Opfer der Umstände“ wurde eine tatkräftige, junge Frau, die ihr Leben in die Hand nahm.
Wenn wir feststecken, kann es eine Erleichterung sein, zu sehen, dass wir eine Wahl haben.
Für meine Kundin war das so. Der Moment, in dem es bei ihr klick gemacht und sie erkannt hat: „Ich habe eine Wahl“, war für sie ein Befreiungsschlag.
Sie hat gemerkt – sie kann kündigen, wenn sie möchte. Sie kann in ihrer Beziehung sehr wohl auch Forderungen stellen, sie hat gesehen, dass sie noch eine weitere Ausbildung machen kann. Und sie hat auch gesehen – sie ist ihren Gedanken nicht hilflos ausgeliefert, ganz gleich wie beängstigend die sein mögen.
Tatsächlich gibt es in unserem Leben kaum einen schöneren Moment, als zu sehen: Ich kann wählen. Ich kann entscheiden. Ich kann gestalten.
Aber das ist nicht immer so.
Wenn ich wählen könnte, es aber nicht tue
So schön dieser Moment sein kann, er kann auch zur Falle werden. Denn jetzt „wissen“ wir, dass es noch andere Wege gäbe, die wir einschlagen könnten.
Und trotzdem ertappen wir uns am nächsten Tag dabei, wieder in dieselben alten Muster zu tappen.
Und dann stehen wir da und verstehen die Welt nicht mehr. „Ich weiß doch, dass es auch anders geht. Ich weiß doch, dass ich wählen kann. Nur … warum funktioniert das bei mir nicht?“
Ich bin mir ganz sicher, du kennst das: Du weißt, dass du dich sichtbarer machen solltest. Du weißt, dass du mehr Sport machen solltest. Du weißt, dass du dir mehr Ruhe gönnen solltest.
Und du willst es auch … und trotzdem findest du immer wieder neue Ja-aber-Gründe und verschiebst auf morgen.
Kopf-Wissen allein reicht nicht
Der Grund dahinter ist simpel: Nur weil wir etwas im Kopf wissen, heißt es noch lange nicht, dass wir es auch tun. Dieses Kopf-Wissen lautet meistens „ich sollte“ oder „ich müsste“. Dahinter steckt eine Bewertung: So wie du bist und das, was du tust, ist nicht ok. Du sollst anders oder besser sein. Das erzeugt Widerstand.
Ich nenne diese Zeit die Frust-Phase. Wir wissen zwar rein theoretisch, dass wir eine Wahlmöglichkeit hätten, aber in unserem alltäglichen Leben ist das noch nicht angekommen. Wir fallen immer noch in alte Muster. Wir schieben noch immer auf. Gönnen uns noch immer keine Ruhe. Lassen uns noch immer von anderen einschüchtern.
Und das kann enorm frustrierend sein.
Wenn wir uns in so einer Frust-Phase befinden, kann es hilfreich sein zu sehen: Ich muss gerade gar nichts. Nicht einmal wählen.
Wenn du da drinnen steckst, kann es sehr erleichternd sein, wenn du dir immer wieder mal denkst „Einen Sch.. muss ich! Nicht einmal wählen und entscheiden.“
Es ist ok, wenn du dich weiterhin versteckst und nicht auf jedes Netzwerktreffen läufst. Es ist ok, wenn du noch auf der Couch liegst und nicht schon das Jahres-Abo fürs Fitness-Studio gekauft hast. Es ist ok, wenn du jetzt eine Nachtschicht einlegst, weil dich Ruhe gerade sehr nervös macht.
Dieses „Es ist ok“ ist eine Erlaubnis, die du dir gibst. Die Erlaubnis, dass du sein kannst, wie du bist. Und das tun darfst, was du gerade tust – oder gerade nicht tust.
Gib dir eine Verschnaufpause. Die Veränderung passiert – vielleicht langsamer, als du dir das wünschst – aber sie wird passieren.
Diese Erlaubnis, dass es so sein darf, wie es gerade ist, nimmt den Druck raus. Gibt dir Luft zum Atmen. Holt dich aus dem Stress-Modus heraus.
Und irgendwann … ich weiß nicht wann, aber es passiert immer … hat dein Gehirn gelernt: „Es ist ok, wie es ist“ – und dann rutscht du in die nächste Phase.
Wenn ich wählen kann – und es auch tue
Einer der schönsten Momente in meiner Arbeit ist es, wenn Kund:innen genau hier ankommen. So wie eine Kundin mal schrieb: „Aber was ich eigentlich sagen möchte: Unsere Sitzung mit den wiederholten Basics hat gestern Abend genau gegriffen, und ich bin auf den inneren Shitstorm und die Horrorgedanken nicht eingestiegen.“
Das ist der Moment, in dem es langsam „in the bones“ ankommt. Ich sehe den Sturm in mir aufsteigen und steige nicht ein. Ich sehe die Wahlmöglichkeit, und ich kann sie auch nutzen.
Ich spüre den Zweifel hochsteigen: Soll ich das wirklich posten? Diesmal ziehe ich mich nicht automatisch zurück, sondern drücke auf Veröffentlichen.
Ich spüre den Drang, mich auf die Couch zu legen und durch die Kanäle zu zappen, aber diesmal ziehe ich die Laufschuhe an und drehe eine Runde.
Ich spüre das schlechte Gewissen aufsteigen, lasse es an mir vorbeiziehen, klappe den Laptop zu und mache es mir mit einem Buch gemütlich.
Wenn das zum ersten Mal passiert, ist es mehr als Erleichterung. Es ist grenzenlose Freude. Es fühlt sich an, als würdest du Ketten sprengen, die dich seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten, fest im Griff hatten.
Das ist Freiheit pur. Und wenn du das oft genug gemacht hast – oft genug dieses „ich kann wählen und ich tue es auch“, dann landest du in der nächsten Phase:
Wenn ich keine Wahl mehr brauche
Und irgendwann passiert etwas, das sich nicht erarbeiten lässt. Freiheit ist keine Belohnung für genug erfolgreiche Wahlmomente. Sie entsteht, wenn sich dein Verhältnis zu dir selbst und deinem Tun verändert.
Die alten Muster haben keine Macht mehr über dich. Du fragst dich nicht, ob du dich zeigen sollst, du tust es. Du fragst dich nicht, ob du dich mehr bewegen sollst, du tust es. Und mehr noch: Du tust es auf deine Art, in deinem Tempo, in deiner Sprache, nach deinen Regeln.
All die Bewertungen, ob du etwas richtig machst oder nicht, fallen weg. Leben darf sein, genauso, wie es sich dir gerade zeigt.
Heißt das, dass dir alles egal ist? Nein, du willst noch immer Ziele erreichen, sinnvolle Arbeit tun und überlegst noch immer, was du als Nächstes tun könntest.
Aber wie es eine Kollegin mal sehr treffend beschrieben hat: Es sind nicht die Wahlmöglichkeiten, die unser Leben schwer machen, sondern die Vorstellung, dass es immer eine richtige oder falsche Entscheidung geben muss.


