Wenn die Angst mitentscheidet: So erkennst du es
Es gibt da dieses kleine Wörtchen: weil.
Vier Buchstaben. Harmlos, unscheinbar, eines der unauffälligsten Wörter der deutschen Sprache. Und trotzdem hängen an ihm oft ganze Lebensentscheidungen dran.
Nehmen wir Gabi. Gabi kauft sich ein Laufband. Ein richtig gutes, mit Steigungsfunktion und Pulsmesser, und es steht jetzt mitten im Wohnzimmer. Gabi hasst Laufen. Aber sie kauft es trotzdem.
Weil im Sommer die Hochzeit ihrer Cousine ist.
Weil da die ganze Verwandtschaft kommt.
Weil Tante Hilde jedes Mal, wirklich jedes Mal, etwas zu ihrer Figur sagt.
Weil sie auf den Fotos nicht schon wieder die sein will, die sich in die hinterste Reihe stellt.
Also läuft Gabi. Dreimal die Woche, mit zusammengebissenen Zähnen und einer Playlist, die sie motivieren soll und es nicht tut. Die Schokolade wandert ganz nach hinten in den Küchenkasten, hinter das Mehl, wo sie garantiert nicht hinschaut.
Und wenn du da jetzt genau draufschaust: Mit Fitness hat das Laufband ziemlich wenig zu tun.
Dafür umso mehr mit der Angst, in elf Monaten auf der Hochzeit ihrer Cousine von Tante Hilde schief angeschaut zu werden.
Was hat das jetzt mit deinem Business zu tun?
Mehr, als dir lieb ist.
Verlass dich nicht auf dein Gefühl
Vor einiger Zeit kam eine Kundin zu mir, die seit Tagen an einer einzigen Frage festhing: Soll ich diesen Auftrag annehmen oder nicht? Ein mittelgroßer Auftrag. Nichts Weltbewegendes, aber auch nichts, was du mit einem Schulterzucken wegwischst.
Am Morgen war sie sich sicher: Ich sag ab, das passt einfach nicht. Zu Mittag kamen die ersten Zweifel. Und wenn dann so schnell nichts Neues reinkommt? Am Abend war die Zusage-Mail schon halb geschrieben. Und in der Nacht lag sie wach und rechnete. Was, wenn ich absage und die erzählen herum, ich sei nicht flexibel? Was, wenn ich zusage und dann keine Zeit mehr für das habe, was mir wirklich wichtig ist? Aber das Geld … Aber die Zeit … Aber das Geld.
Ja, nein, ja, vielleicht. Ein Pingpong-Spiel, bei dem sie selbst auf beiden Seiten des Tisches stand.
Als sie mir das erzählt hat, war sie richtig erschöpft. Vom Nachdenken. Über einen einzigen Auftrag.
Und im Grunde steckt hier dieselbe Frage drin wie bei Gabi und ihrem Laufband: Warum tue ich, was ich tue? Aus der Angst? Oder aus der Klarheit?
Und wie kann ich diese beiden unterscheiden?
Auf dein Gefühl kannst du dich dabei leider nur bedingt verlassen. Angst und Aufregung fühlen sich verflixt ähnlich an. Herzklopfen, Kribbeln im Bauch, ein bisschen Unruhe – das kann Vorfreude sein oder blanke Panik. Dein Körper macht da keinen großen Unterschied.
Die beiden verraten sich woanders: in der Geschichte, die du dir dazu erzählst.
Angst hat immer eine Geschichte
Wenn ich aus Angst etwas tue (oder nicht), hängt an dieser Entscheidung immer etwas dran. Ein Rattenschwanz an „wenns“ und „danns“.
Wenn ich den Auftrag nicht annehme, dann … zu wenig Geld, was denken die anderen, kommt was Neues …
Wenn ich den Auftrag annehme, dann … Prestige, Geld, Ruf …
Nur … wenn du genau hinhörst … geht es bei all diesen Geschichten um einen Gewinn oder Verlust.
Und zwar um einen Gewinn oder Verlust, der sich „dann“ … irgendwann in der Zukunft zeigen wird.
Damit wird die Zukunft zum Antreiber meiner Handlungen im Heute. Die Tante Hilde, die in einem Jahr auf mich schauen wird, treibt mich an, heute das Laufband zu kaufen. Die Auftragslage in einem halben Jahr bringt mich dazu, heute einen Auftrag anzunehmen, den ich eigentlich nicht will.
Die Zukunft drückt, droht oder lockt.
Klarheit spricht im Jetzt
Und wie klingt dann Klarheit?
Viel kürzer. Ja. Oder nein. Fertig.
Natürlich kommt auch hier oft noch eine Erklärung hinterher. Aber eigentlich nur, weil wir das als Kind so gelernt haben.
Frag ein Kind, warum es gerade in die Pfütze gesprungen ist, und du bekommst ein ehrliches: „Keine Ahnung. Wollt ich halt.“ Irgendwann haben wir gelernt, dass diese Antwort nicht reicht. Also legen wir uns vorsorglich ein Weil zurecht, falls jemand fragt. Ein kleines Erklärungs-Paket, griffbereit in der Jackentasche.
Denn in Wahrheit braucht Klarheit keine Begründung. Kein „Weil“. Und wenn doch eine kommt, klingt sie so:
„Nein, das passt gerade nicht zu meinem Portfolio.“
„Nein, ich habe jetzt keine Zeit, ich stecke mitten in einem anderen Projekt.“
„Ja, das inspiriert mich, darauf habe ich richtig Lust.“
„Ja, genau mit dieser Person möchte ich zusammenarbeiten.“
Fällt dir was auf? Alle diese Gründe reden über das Jetzt. Über die aktuelle Auftragslage. Über das, was gerade zu mir passt. Über die Freude an der Sache selbst.
Da rechnet niemand aus, was in einem halben Jahr dabei rauskommt.
Klarheit entscheidet aus der aktuellen Situation heraus. Aus dem Präsent-Sein. Passt das jetzt zu mir? Will ich das jetzt?
Und ja, auch ein leeres Konto kann Klarheit sein. Wenn ich jetzt Geld brauche, werde ich jetzt den Auftrag annehmen.
Der Unterschied zur Angst steckt im Detail. „Mein Konto ist leer, ich nehme ihn“ kommt aus der Gegenwart. „Was, wenn in einem halben Jahr gar nichts mehr reinkommt?“ kommt aus der Zukunft. Derselbe Auftrag, zwei völlig verschiedene Quellen. Und von außen siehst du das der Entscheidung überhaupt nicht an.
Streich das „Weil“
Und jetzt kommt der Teil, an dem für mich der Unterschied am deutlichsten wird.
Nimm die Entscheidung, die gerade vor dir liegt, und streich das „weil“.
Ich nehme den Auftrag, weil er ein tolles Prestige-Projekt ist. Wird zu: Ich nehme den Auftrag.
Ich nehme den Auftrag, damit ich in einem halben Jahr noch was zu essen habe. Wird zu: Ich nehme den Auftrag.
Was bleibt dann über?
Wenn die Entscheidung aus der Angst kommt, passiert etwas Seltsames: Der Auftrag steht plötzlich leer da. Ohne Prestige, ohne Sicherheit, ohne Zukunftsversprechen ist da einfach … nichts mehr. Keine Freude, keine Lust, nichts, was mich daran interessiert. Die Entscheidung hat auf einmal keine Daseinsberechtigung mehr, weil ihre Daseinsberechtigung in der Zukunft hing.
Und das spürst du. Im Körper. Sobald die Geschichte weg ist, wird es unruhig. Als hätte jemand den Boden unter der Entscheidung weggezogen.
Wenn die Entscheidung aus der Klarheit kommt, bleibt sie stehen. Ich nehme das Prestige weg, und der Auftrag freut mich trotzdem. Ich schaue drauf und denke: Ja. Da habe ich Lust drauf. Egal, was die Zukunft daraus macht.
Darf die Zukunft gar nicht mehr mitreden?
Jetzt höre ich schon den Einwand, und der ist berechtigt: „Silvia, ich bin selbstständig. Ich muss an die Zukunft denken. Ich kann ja nicht einfach in den Tag hineinleben.“
Natürlich nicht. Wir planen, wir rechnen, wir schauen auf die nächsten Monate. Als Selbstständige haben wir diesen Blick nach vorne ständig, und das ist auch gut so.
Die Zukunft darf mitreden. Entscheiden darf sie nicht.
Wenn ich aus der Klarheit heraus entscheide, habe ich die Zukunft durchaus im Blick. Ich kann sagen: Ja, das ist auch der Weg, den ich in Zukunft gehen möchte. Die Entscheidung selbst passiert aber hier und jetzt, weil ich das jetzt machen möchte.
Als Entscheidungsträgerin taugt die Zukunft ganz schlecht. Denn an der Zukunft, die sich die Angst ausmalt, hängt immer die Befürchtung, dass sie irgendwie nicht okay sein wird. Und wer möchte schon, dass ausgerechnet diese Befürchtung am Steuer sitzt?
Und wenn es doch die Angst war?
Meine Kundin hat den Auftrag übrigens angenommen. Und das „weil“ war sehr klar – des Geldes wegen. Genauer gesagt wegen der Angst, in Zukunft zu wenig davon zu haben.
Ein paar Wochen später haben beide Seiten beschlossen, die Zusammenarbeit wieder aufzulösen. Es hat einfach nicht gepasst.
War das jetzt ein Fehler? Ich finde nicht.
Es ist völlig okay, aus Angst zu entscheiden. Wirklich. Manchmal ist das genau die Entscheidung, die wir in diesem Moment treffen sollen.
Der Unterschied liegt darin, ob ich es weiß. Ob ich ehrlich zu mir sagen kann: „Eigentlich freut mich dieser Auftrag nicht. Und wenn ich wählen könnte, würde ich ihn auch nicht annehmen. Ich nehme ihn trotzdem, weil ich gerade Angst habe, zu wenig zu verdienen.“
Was mich interessiert, ist der klare Blick. Dass du weißt, warum du eine Entscheidung triffst, statt blind irgendwo hineinzulaufen und hinterher zu rätseln, wie du da eigentlich gelandet bist.
Angst erzählt Geschichten. Klarheit braucht keine.


