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Warum Erwartungen deinen Erfolg blockiert

Ein einziger Moment in der Schule hat mein Selbstbild für über 25 Jahre geprägt. In diesem Artikel geht es darum, wie unser Gehirn aus einzelnen Erlebnissen feste Identitäten baut, warum wir Gedanken irgendwann für Tatsachen halten – und warum das, was wir „Ich bin halt so“ nennen, weit weniger festgeschrieben ist, als es sich anfühlt.

Es war eine mündliche Prüfung in Geografie. Gymnasiums-Zeit. Der Professor war etwas … wie soll ich es freundlich ausdrücken … eigenartig. Er spielte uns Kassetten vor – ja, die gab’s damals – auf denen seine 5-jährige Tochter fehlerlos alle Stationen der sibirischen Eisenbahn aufsagte. Und er liebte es, seine Schüler:innen mit völlig unerwarteten Fragen aus der Fassung zu bringen.

Bei mir hat das funktioniert.

Die Prüfung lief ganz gut, dann stellte er mir eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich sah ihn an und verstummte. Kein Wort mehr. Auch bei den Fragen danach nicht. Nichts.

Als ich an meinen Platz zurückkehrte, feixten ein paar Jungs aus der letzten Reihe: „Na, das lief wohl nicht so gut.“ Und konnten sich vor Lachen kaum mehr halten – naja, 12-jährige Burschen halt.

Was in diesem Moment tatsächlich passiert ist: Mein Gehirn hat auf Gefahr geschaltet. Fight, Flight oder Freeze – und bei mir war es Freeze. Schockstarre. Dieselbe Reaktion, die uns seit Jahrtausenden vor gefährlichen Raubtieren schützt. Nur dass da kein Tiger war, sondern ein Geografie-Professor mit einer Vorliebe für die sibirische Eisenbahn.

Aber das wusste ich damals nicht. Ich wusste nur: Ich war nicht gut genug vorbereitet. Und deshalb habe ich mich blamiert. Vor allen.

Also sorgte ich dafür, dass mir das nie wieder passiert. Jede Präsentation: durch geprobt. Jedes Referat: auswendig gelernt. Jede Prüfung: kein Raum für Überraschungen. Perfekte Vorbereitung als Schutzschild.

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Und dann wurde es „Ich“

Klingt erst mal nach einer guten Strategie. War es auf Dauer natürlich nicht.

Denn die Kehrseite war: Sobald ich mich spontan äußern sollte – auch Jahre später – in einer Gruppendiskussion, in einem Meeting, in einer Runde, in der jemand einfach eine Meinung hören wollte – machte ich den Mund nicht auf. Weil ich ja nicht vorbereitet war. Weil mir die Worte vielleicht nicht perfekt über die Lippen kommen würden. Weil die anderen mich vielleicht auslachen könnten. Wieder. Und dadurch fühlte ich mich auch mit 40 noch wie eine 12-Jährige.

Und irgendwann sagte ich ganz selbstverständlich: „Ich bin eher introvertiert, Gruppen sind so nicht mein Ding.“ Und das war für mich genauso eine Tatsache wie meine roten Locken.

Ein einziger Moment. Ein eigenartiger Professor. Ein paar kichernde Früh-Pubertierende. Und daraus hat mein Gehirn eine schüchterne Identität gebaut.

Ein Körper, der nie stillsteht

Und jetzt zum eigentlich Verrückten.

Während ich diese Geschichte seit über 25 Jahren mit mir herumtrage, hat mein Körper sich in dieser Zeit komplett erneuert. Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern unzählige Male.

Unsere Hautzellen verändern sich alle 2–4 Wochen. Unsere Leberzellen alle 1–2 Jahre. Unsere Knochen alle 10 Jahre.

In Wahrheit sind wir am Ende dieses Textes nicht mehr dieselben Menschen, die wir zu Beginn waren. Während du das hier liest, verarbeiten deine Zellen neue Informationen, dein Körper regeneriert sich im Hintergrund und die Welt hat sich ein Stück weitergedreht. Biologisch gesehen ist an uns nichts beständig. Gar nichts.

Und trotzdem stehen wir morgens auf, schauen in den Spiegel und denken: „Das bin ich. So bin ich. So war ich schon immer.“

Wie kann das sein?

Die nützliche Illusion

Unser Gehirn nimmt dieses ständige Kommen und Gehen – sterbende Zellen, neue Erfahrungen, sich verändernde Umstände – und formt daraus eine Geschichte. Eine Geschichte von einem „Ich“, das „so ist“. Mit festen Eigenschaften, klaren Grenzen, einer beständigen Identität.

Und das ist erst mal genial. Ich stehe in der Früh auf, erkenne mich im Spiegel, weiß wie die Kaffee-Maschine funktioniert und welchen Job ich aktuell ausübe. Ohne diese Kontinuität wäre jeder Morgen wie der erste Tag auf einem fremden Planeten.

So weit, so hilfreich.

Aber unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen hilfreichen und weniger hilfreichen Erinnerungen. Für das Gehirn ist beides einfach nur Information.

Und so passiert es, dass das Wissen um unsere Morgenroutine den Tag rettet – während der Gedanke „Ich bin nie gut genug“ eben diesen zerstört.

Wo es kippt

In der Geschichte, die unser Gehirn so fleißig zusammenhält, klebt eben nicht nur nützliches Alltagswissen. Da kleben auch alte Bewertungen, alte Verletzungen und Momente, die längst vorbei sein sollten.

Bei mir war es die Geografie-Prüfung. Was war es bei dir?

Ganz gleich, was es war – wir alle haben solche „prägende“ Momente. Der Mechanismus dahinter ist immer derselbe:

Aus „Ich wurde einmal ausgelacht“ wird „Ich bin nicht gut genug.“
Aus „Meine Familie musste viel sparen“ wird „Ich bin es nicht wert, viel Geld zu verdienen.“ Aus „Ich war schlecht im Zeichnen“ wird „Ich bin einfach kein kreativer Mensch.“

Merkst du, was da passiert? Sobald ein Gedanke mit „Ich bin“ anfängt, fühlt er sich nicht mehr wie ein Gedanke an. Er fühlt sich wie ein Fakt an. Wie etwas, das zu dir gehört. Wie eine Eigenschaft, die in Stein gemeißelt ist.

Aber … wenn sich unsere Knochen alle zehn Jahre komplett erneuern, wieso darf dann ausgerechnet der Gedanke aus der dritten Klasse „Ich bin nicht gut genug“ bleiben? Für immer?

Absurd, oder?

Der blinde Fleck

Und genau das ist der blinde Fleck.

Nicht der Gedanke selbst. Sondern, dass wir ihn nicht mehr als Gedanken erkennen.

„Ich bin halt so“ – das klingt wie eine Feststellung. Wie etwas Endgültiges. Wie etwas, das zu mir gehört, so wie mein Name oder meine roten Locken.

Aber es ist kein Fakt. Es ist eine Interpretation. Nur – wie auch schon der Physiker David Bohm sagte: ‚Unsere Gedanken erzeugen unsere Realität und sagen dann, sie waren es nicht.‘

Wir vergessen schlichtweg, dass wir die Schöpfer dieser Sätze sind. Genau hier lohnt es sich, innezuhalten. Denn es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen zwei Sätzen:

„Ich bin so.“ „Ich denke, dass ich so bin.“

Der erste ist ein Urteil. Endgültig. Unveränderlich. Der zweite ist eine Vermutung. Eine Möglichkeit. Eine Beobachtung. Und all das ist überprüfbar und veränderbar.

Ich habe jahrelang gesagt: „Ich bin bei spontanen Reden schlecht.“ Das war für mich so wahr wie die Tatsache, dass Wasser nass ist.

Dabei hat es nie gestimmt. Ich hatte eine schlechte Prüfung, ein paar Burschen haben gelacht. Das war’s. Nur damals wusste ich nicht, was ich heute weiß – und so wurde aus einem Erlebnis ein „Ich bin halt so“.

Was das bedeutet

Weil unterm Strich ist alles nur „ein Gedanke“.
Dein Wissen, wie die Kaffee-Maschine funktioniert, sind Gedanken.
Deine Bewertungen, ob du gut oder schlecht bist, sind Gedanken.
Deine Erinnerungen an die Blamage in deiner Kindheit … genau … Gedanken.

Und das Wunderbare an Gedanken ist: Sie haben mehr die Konsistenz einer Plastilin-Masse als eines Ziegelsteines.

Sie sind formbar. Veränderbar. Nicht für immer festgelegt.

Wenn dir ein Gedanke nicht gefällt, musst du ihn nicht bekämpfen. Es reicht zu wissen, dass er nicht dein letzter sein wird.

Dein Gehirn liefert dir den ganzen Tag lang unzählige Ideen und Einschätzungen. Warum sollten wir ausgerechnet die glauben, die uns unsicher machen? In dieser riesigen Fülle an täglichen Gedanken sind immer auch solche dabei, die dich aufbauen und motivieren könnten. Du musst sie nicht ‚erarbeiten‘ – sie sind schon da.

Das nächste Mal, wenn das alte „Ich bin halt so“ auftaucht, stoppe kurz und frag dich: „Was, wenn auch dieser Gedanke veränderlich wäre?“

Und dann schau einfach, was passiert.

Deine Zellen wissen es längst

Deine Hautzellen haben sich erneuert, während du diesen Artikel gelesen hast. Deine Leber arbeitet gerade an ihrer nächsten Version. Sogar deine Knochen – die sich so unveränderlich anfühlen – sind schon längst nicht mehr dieselben.

Dein Körper verändert sich. Ständig.

Deine Gedanken über dich dürfen das auch.

Alles Liebe

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