Spiritualität im Business: Warum Spüren kein Wohooo ist
Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Spiritualität – was trägt mich wirklich?“ von Alexandra Cordes-Guth. Eine Einladung, die mich sofort angesprochen hat – weil ich zeigen möchte, was passiert, wenn wir das, was uns wirklich trägt, auch dorthin mitnehmen, wo es angeblich nichts verloren hat: in die Business-Welt.
Aufgeregt stürzte ich in das Büro meines Chefs. „Christian, da stimmt was nicht. Irgendwas läuft in dem Projekt falsch. Ich kann noch nicht den Finger drauflegen – aber ich hab’ gar kein gutes Gefühl.“
Ich war Ende 30 und führte ein prestigeträchtiges Projekt in einem namhaften deutschen Unternehmen. Bis zu dem Zeitpunkt war das Projekt reibungslos verlaufen, aber gerade beschlich mich ein sehr ungutes Gefühl.
Mein Chef schaute mich mit großen Augen an: „Silvia, dein Gefühl bringt mir nix. Ich brauche Zahlen, Daten, Fakten.“ Also zurück zum standardisierten Workflow. Zurück zu dem, was messbar ist.
Tja, genau so war das damals. Würde ich gerne sagen. Kann ich aber nicht, denn genauso ist das heute noch meist so. Gefühle, Intuition, inneres Wissen – alles Fremdworte in der knallharten Wirtschaftswelt.
Dabei ist das nicht nur schade. Es ist teuer. Denn damit verzichten Unternehmen auf eine der größten Kompetenzen, die wir Menschen besitzen. Die Fähigkeit, Dinge zu „erspüren“. So wie wenn du in einem Raum stehst und ganz deutlich die Augen im Rücken spürst, die dich gerade fixieren.
Wir alle haben einen inneren Christian
Und ich glaube, der Christian sitzt nicht nur in der Chefetage. Er sitzt in uns allen. Dieser innere Aufpasser, der sofort sagt: „Schön und gut, aber wo ist der Beweis?“
Ich kenne ihn gut. Ich habe jahrelang auf ihn gehört. Auch dann, wenn mir längst etwas anderes gesagt hat: Da stimmt was nicht. Oder: Da geht mehr. Oder einfach nur: Nicht diesen Weg.
Aber ich habe das oft weggedrückt. Weil ich gelernt hatte, dass Spüren kein Argument ist. Dass Intuition nett ist für den Yoga-Abend, aber nichts verloren hat in einer Vorstandspräsentation.
Vielen geht es so. Auch denen, die längst wissen, dass Spiritualität mehr ist als Kristalle und Mondrituale. Die spüren, dass da etwas Wichtiges ist – aber sich nicht trauen, dem zu vertrauen. Weil der innere Christian sofort fragt: Und? Kannst du das belegen?
Was „spirituell“ eigentlich bedeutet
Ich liebe es, die Herkunft von Worten aufzuspüren – daher schauen wir doch mal, was „spirituell“ überhaupt bedeutet. Das Wort geht etymologisch auf das lateinische Spiritus zurück: „Geist“, „Hauch“ oder „Atem“.
„Spüren“ klingt nach Wohooo? Mag sein.
Aber was ist mit Team-Spirit. Oder Kampf-Geist. Oder Pionier-Geist.
Das wollen wir. Im Business. In Organisationen. In der Wirtschaftswelt.
Aber bitte ohne Räucherstäbchen und Sonnengrüße.
Wenn wir das weiterdenken, dann bedeutet Spirit einfach nur Energie.
Unsichtbar und formlos.
Und was, wenn sich genau diese Energie in Fähigkeiten zeigt, die zwar schwer zu greifen, aber uns angeboren sind?
Nicht die, die wir in Seminaren lernen oder in MBA-Programmen trainieren. Sondern die, die jedes kleine Kind ganz selbstverständlich besitzt: Kreativität. Empathie. Intuition. Neugier. Präsenz. Vertrauen.
Kinder malen die Welt neu – ohne lästige Zweifel. Sie spüren Gefahr – bevor sie wirklich sichtbar ist. Sie gehen in Verbindung mit anderen Menschen – einfach durch einen Blick. Das ist reiner Spiritus – der lebendige Atem des Geistes.
Und dann kommen wir Erwachsene und konditionieren das alles weg. „Hör auf zu träumen.“ „Sei vernünftig.“ „Zahlen, Daten, Fakten.“
Das Ironische daran: Genau diese Kompetenzen, die wir unseren Kindern abtrainieren, identifiziert das World Economic Forum als die entscheidenden Skills für 2030 – kreatives Denken, Resilienz, Neugier, Empathie. Selbst die nüchternste aller Institutionen sagt also: Wir brauchen das dringend, was wir systematisch verlernen.
Vom Burn-out zur Rückverbindung
Ich bin in dieser Zahlen-Daten-Fakten-Welt aufgewachsen. Auch wenn ich immer wusste, dass es da mehr „zwischen Himmel und Erde“ gibt, hatte Spiritualität in meinem Business-Alltag lange nichts verloren. Am Abend Yoga, untertags Daten analysieren.
Als ich mich selbstständig machte und mir genau dieser angelernte Leistungswahn beinahe ins Burn-out trieb, landeten Bücher auf meinem Nachtkästchen, die ich früher nie angefasst hätte. Eckhart Tolle, Sydney Banks, Krishnamurti.
Und ich gestehe: Lange konnte ich das nicht zusammenbringen. Da war die eine Welt – still, weit, verbunden. Und da war die andere – schnell, laut, wettbewerbsgetrieben.
Ich hatte viele offene Fragen:
- Wie soll ich innerlich ruhig bleiben, wenn mein Bankkonto gegen Null geht?
- Wie „Eins-mit-allem“ sein, wenn da draußen ein harter Konkurrenzkampf tobt?
- Wie „einfach nur Liebe“ sein, wenn Menschen sterben, Kriege geführt und die Natur zerstört wird?
Lange war das für mich ein Entweder-oder. Entweder du „funktionierst“ in dieser Welt und verlegst alles Spirituelle ins Wochenende und in den Wellness-Urlaub.
Oder du entziehst dich der weltlichen Welt, trägst nur noch recycelte Überwurfkleidung und lebst auf einer Lichtung am Waldesrand. Eins mit dir und dem Eichhörnchen, das dir aus der Hand frisst.
Bis ich irgendwann verstanden habe, dass Spiritualität kein Rückzug aus der Welt ist. Sondern die Rückverbindung mit dem, was uns eigentlich ausmacht.
Bevor wir uns all die komischen Geschichten über uns selbst erzählt haben.
Bevor das Ego das Steuer übernommen hat.
Bevor „sei vernünftig“ wichtiger wurde als „sei du selbst“.
Was mich heute trägt
Pierre Teilhard de Chardin wird das Zitat zugeschrieben: „Wir sind keine menschlichen Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen. Wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.“ Lange war das für mich ein schöner Satz. Heute ist es (meist) meine gelebte Realität.
Was heißt das konkret? Am besten hat das mal eine Kundin von mir beschrieben. Nach einem 3-tägigen Intensiv-Retreat wollten wir zum Abschluss einen Blick auf das kommende Jahr werfen. Ich öffnete eine neue Flip-Chart-Seite und schrieb oben drüber: Die nächsten 12 Monate.
Sie blickte lange auf die leere Seite. Und dann sagte sie: Was immer kommen möge – ich werde damit umgehen können.
Genau das ist! Dieses tiefe innere Vertrauen, dass es etwas Unsichtbares gibt, das dich trägt, wenn es mal schwer wird. Und das Wissen, dass du mit allem umgehen kannst, was immer dir das Leben vor die Füße wirft.
Für mich persönlich heißt das, dass ich in einem schwierigen Gespräch spüre, was gerade wirklich passiert – hinter den Worten, hinter den Argumenten. Und dass ich Fehler machen kann, ohne daran zu zerbrechen.
Ich habe einmal ein Seminar gehalten, bei dem genau das passiert ist, wovor sich viele am meisten fürchten: Ich bin vor der Gruppe voll gescheitert. Nichts lief so, wie ich es geplant hatte. Die Energie im Raum kippte. Ich stand da und hatte keine Ahnung, wie ich das noch retten könnte.
Der Wendepunkt
Früher hätte ich mich geschämt, mir Vorwürfe gemacht, tagelang daran gekaut. Dieses Mal war es anders: Ich habe tiefe Liebe für die Teilnehmer:innen (und für mich) empfunden.
Aber das war keine Technik, die ich in einem Stress-Seminar gelernt hatte.
Oder ein Mindset-Trick – denke positiv.
Da war einfach etwas in mir, das wusste: Ich mache gerade eine Erfahrung. Die Teilnehmer:innen machen eine Erfahrung. Und wir sind alle mehr als das.
Und das Paradoxe daran: Dieses Wissen trägt und erdet mich. Ich kann das menschliche Spiel voll mitspielen. Mich im Chaos verlieren, scheitern, neu anfangen. Ohne die Schwere, die entsteht, wenn ich glaube, das sei alles, was ich bin.
Was sich noch verändert hat? Früher dachte ich, Spiritualität sei das Luftige – alle schweben in höheren Sphären mit einem verklärten Lächeln auf ihrem Gesicht.
Heute sehe ich es genau umgekehrt. Die illusorischen Geschichten sind die, die uns der Verstand erzählt. Die Ego-Dramen, die wir für bare Münze nehmen, obwohl sie nur erfunden sind.
Und übrigens, Christian …
Ich bin meinem Gefühl damals nachgegangen. Ein Subunternehmer hatte irrtümlich falsche Rechnungen ausgestellt. Das hätte kein noch so tolles Tool herausgefunden. Stattdessen war da nur ein Mensch, der sich getraut hat, seinem Gespür mehr zu vertrauen als einer Excel-Tabelle.
Das ist kein Wohooo.
Das ist der wichtigste Work-Flow, den wir je besitzen werden: Unser Mensch-Sein.



Liebe Silvia, danke für diesen sehr inspirierenden Beitrag. Du beschreibst ganz wunderbar, warum Spiritualiät auch im Business eine wichtige Fähigkeit ist, die wir dort brauchen. Und ich sehe es genauso wie du: Sie ist sowieso in uns angelegt. Und wird uns leider erst mal abtrainiert. Und ich bin sehr in Resonanz gegangen mit deinem Satz: Dieses tiefe innere Vertrauen, dass es etwas Unsichtbares gibt, das dich trägt, wenn es mal schwer wird. Und das Wissen, dass du mit allem umgehen kannst, was immer dir das Leben vor die Füße wirft.
Herzlichen Dank für diesen Beitrag zu meiner Blogparade – Alexandra
Liebe Alexandra,
ich freue mich sehr, dass dir der Beitrag für deine Blog-Parade gefällt. Ich danke dir für die Inspiration – es ist so wertvoll, sich mal die Zeit zu nehmen, um auch über diese Themen zu reflektieren.
Ich wünsche dir ganz viele Beiträge für deine Blog-Parade 🧡.
Alles Liebe
Silvia