Warum Jammern dich klein hält – und wie du da raus kommst
Der Abend, der alles veränderte
Es war einer dieser perfekten Sommerabende in unserem Buchclub. Wir saßen auf der Terrasse, der Wein war gut, der Nudelsalat ausgezeichnet, die Stimmung entspannt.
Nun – fast. Denn einer meiner Freundinnen ging es gar nicht gut. Sie jammerte – wie schon viele Male davor. Ihr Job mache ihr zu schaffen, ihre Beziehung sei am Ende, ihr Gewicht frustriere sie und überhaupt sei alles falsch in ihrem Leben.
Natürlich wollten wir ihr helfen. Jede von uns hatte Vorschläge, Ideen, Lösungsmöglichkeiten. Aber ganz gleich, was wir sagten – es kam immer nur ein „Ja, aber“ zurück. „Ja, aber das geht nicht…“ „Ja, aber , das funktioniert bei mir nicht…“ „Ja, aber, das geht sowieso nicht…“
Mit jedem dieser „Ja, aber“ wurde ich wütender. Nicht unbedingt aus Ärger, sondern aus echtem Mitgefühl. Diese Frau, meine Freundin, war so gefangen in ihrem Jammertal, dass sie ihr eigenes Gefängnis gar nicht mehr wahrnahm.
„Du hast zwei Möglichkeiten“, sagte ich schließlich – vielleicht schärfer als beabsichtigt. „Entweder du jammerst weiter, oder du änderst etwas.“
Die unerwartete Stunde der Wahrheit
Die Wochen und Monate vergingen und ich hatte den Vorfall eigentlich schon vergessen. Aber nach gut einem halben Jahr kam meine Freundin bei einem unserer Treffen auf mich zu, strahlend, mit einer ganz neuen Energie. „Weißt du eigentlich, dass du mein Leben verändert hast?“
Und tatsächlich – vor mir stand eine vollkommen neue Frau. Sie hatte eine Ausbildung begonnen, die sie schon lange machen wollte. Sie ging regelmäßig zum Sport, ihre Beziehung lief so gut wie nie zuvor, und sie plante, ihren Job zu kündigen, um endlich ihren eigenen Weg zu gehen.
Das war der Moment, in dem ich wirklich begriff, was passiert, wenn wir aufhören zu jammern und stattdessen beginnen zu handeln.
Mein Leben war nicht das Problem – mein Verstand, der mir ständig einredete, es müsste anders sein, war das Problem.
Wenn der eigene Spiegel schmerzt
Jammern ist nicht nur eine schlechte Angewohnheit – es schafft eine verzerrte Realität. Eine, in der alles problematisch ist, in der wir feststecken, in der wir uns als Opfer der Umstände sehen.
Aber stimmt das wirklich? Sind wir Opfer? Und wenn ja, von wem oder was?
Ich erinnere mich an eine Coachingsitzung, in der ich meine alte Leier abspulte: „Mein Business läuft nicht, ich verdiene nicht genug, ich weiß nicht, was ich tun soll“.
Mein Coach hörte mir zu und sagte dann: „Ich weiß schon, warum dein Business nicht läuft. Du bist zu passiv, du musst aktiver werden.“
Wumm, dieser Satz hat gesessen. Er fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an. Nicht, weil er etwas Falsches gesagt hätte – er hatte vermutlich sogar recht.
Sondern, wegen dem, was ich gehört hatte: Ich bin nicht gut genug. Ich mache es nicht richtig. Ich muss mich ändern.
Tatsächlich lief ich zwei Tage mit fürchterlichen Kopfschmerzen herum. Bis mir eine Erkenntnis kam: Ich liebe mein Business. Ich liebe mein Leben. Eigentlich will ich gar nichts ändern.
Das Einzige, was es schwierig macht, ist mein eigenes Jammern darüber, dass es nicht gut genug wäre.
Es war, als hätte jemand eine Nebelwand weggezogen. Nicht mein Leben war das Problem, sondern mein Verstand, der mir ständig einredete, ich oder mein Leben müssten anders sein.
Der Verstand ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler. Er baut eine komplette Alternativ-Realität auf, in der alles besser wäre – wenn wir nur dies hätten oder jenes täten.
Was Jammern wirklich mit uns macht
Das Jammern hat sich wie ein Virus in unserer Gesellschaft ausgebreitet. Es erscheint harmlos, fast normal – wie eine alltägliche Form der Kommunikation. Doch in Wirklichkeit ist es eine der effektivsten Methoden der Selbstsabotage.
Wenn wir jammern, erschaffen wir eine Parallelwelt in unserem Kopf. Eine Welt, in der wir ständig im Mangel leben. In der immer etwas fehlt. In der wir nie gut genug sind.
Nur … woher nehmen wir die Anmaßung zu glauben, wir wüssten es besser als das Leben selbst? Wer sagt uns, dass alles anders sein muss?
Der Verstand ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler. Er konstruiert eine komplette alternative Realität, in der alles besser wäre – wenn wir nur dies hätten oder jenes täten.
Mit jedem „Ja, aber…“ verstärken wir diese Geschichte. Mit jedem Jammern machen wir sie realer. Bis wir selbst daran glauben, dass wir tatsächlich Opfer der Umstände sind.
Das Perfide daran: Jammern lähmt uns. Es raubt uns nicht nur die Energie zur Veränderung, sondern auch den Blick für das, was bereits gut ist.
Wie auf einem Autopiloten wiederholen wir die gleichen Klagen, die gleichen Ausreden, die gleichen Geschichten über unsere vermeintliche Unzulänglichkeit. Wir werden zum Sprachrohr unseres Verstandes, anstatt uns zu fragen: Stimmt das wirklich?
Der Weg aus der Jammerfalle
Die gute Nachricht ist: Du kannst jederzeit aus dieser Jammerspirale aussteigen.
Der erste und wichtigste Schritt ist verblüffend einfach: stimme nicht in das Jammern deines Verstandes ein.
Das heißt nicht, dass du echte Probleme ignorieren sollst. Es bedeutet nur, dass du aufhörst, die alten Geschichten deines Verstandes immer und immer wieder zu wiederholen.
Aber wie erkennst du den Unterschied?
Ganz einfach: Du erkennst das Jammern an der Wiederholung. Es sind diese Sätze, die du schon tausendmal gedacht oder gesagt hast. Die dich eigentlich selbst schon nerven. Die alte Leier, die sich anfühlt wie eine Schallplatte, die hängen geblieben ist: „Das kann ich nicht…“, „Das klappt bei mir nie…“, „Das passiert immer nur mir…“.
Ein echtes Problem hingegen fühlt sich anders an. Es ist konkret, präsent und – das ist das Entscheidende – es kann tatsächlich angegangen werden. Während das Jammern in der Opferrolle verharrt, führt die Auseinandersetzung mit einem echten Problem zu Lösungen und Handlungsmöglichkeiten.
Wie wäre es mit einem Selbsttest? Achte in den nächsten Tagen bewusst darauf, wie oft du jammerst. Wenn du dich dabei ertappst, halte kurz inne und frage dich: Stimmt das wirklich? Kann ich etwas dagegen tun? Oder wiederhole ich nur eine alte Geschichte?
Die Antwort aus deinem Innersten fühlt sich ganz anders an als das Gejammer deines Verstandes. Sie ist klar, frisch und – vor allem – sie eröffnet neue Möglichkeiten. Statt „Das geht nicht“ sagt sie vielleicht „Du könntest das versuchen“. Statt „Ich bin nicht gut genug“, flüstert sie: „Du bist großartig, genauso wie du bist!“
Die Entscheidung liegt bei dir: weiter jammern und alles so lassen, wie es ist – oder aufhören zu jammern und anfangen zu leben. Wie entscheidest du dich?
Die Entscheidung liegt bei dir
Es braucht Mut, nicht zu jammern. Mut, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Mut, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Aber dieser Mut zahlt sich aus. Denn in dem Moment, in dem du aufhörst zu jammern, fängst du erst richtig an zu leben.
Meine Freundin aus dem Leseclub hat es uns allen vorgemacht. Sie hat aufgehört, sich als Opfer zu sehen und stattdessen ihr Leben selbst in die Hand genommen. Ich habe selbst erlebt, wie befreiend es ist, wenn wir die Jammerschleife durchbrechen und merken: Eigentlich ist alles gut, genau so, wie es ist.
Die Entscheidung liegt bei dir: weiter jammern und alles so lassen, wie es ist – oder aufhören zu jammern und anfangen zu leben. Wie entscheidest du dich?