Wie du aus Schwächen Stärken machst

Manchmal sind es die unerwarteten Geschichten, die uns am meisten beeinflussen. Vera von Birkenbihls Lebensweg ist ein faszinierendes Beispiel dafür. Was oft als Schwäche gesehen wird, kann in Wirklichkeit eine Stärke sein. In diesem Artikel nehme ich dich mit auf eine Reise durch Vera von Birkenbihls inspirierende Geschichte und teile eigene Einsichten, die mir ein neues Licht auf das Leben und die sogenannten Schwächen geworfen haben. Wir werfen einen kritischen Blick auf unser Bildungssystem und hinterfragen, ob es diese Stärken-Schwächen-Beurteilungen überhaupt braucht.

Vera von Birkenbihls inspirierende Wendung

Ich bin ein riesiger Fan von Vera von Birkenbihl. Ihre Vorträge sind nicht nur unglaublich lehrreich, sondern immer sehr witzig. Ich halte es für bewundernswert, wie sie stundenlang reden und die Menschen gezielt durch ein Thema führen kann, einen scheinbar unendlichen Schatz an Geschichten hat und das Ganze dann auch noch humorvoll transportieren kann.

Überrascht war ich von ihrer persönlichen Geschichte. Ihr Vater war selbst ein bekannter Personaltrainer, Autor und Unternehmensberater. Und er dürfte, so beschreibt sie es, auch ein Vielredner gewesen sein. Zu ihr hat er jedoch immer gesagt, sie rede zu viel. Also versuchte sie, weniger zu reden und sich zurückzuhalten. Kam sie aber doch mal in Fahrt, hatte sie danach immer schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht besser im Griff hatte und schon wieder viel zu viel geredet hatte.

Vera von Birkenbihl hätte wohl eine andere Karriere eingeschlagen und uns nicht so großartiges und hilfreiches Material hinterlassen, hätte nicht ein Freund einmal zu ihr gesagt: Für deine Fähigkeit, frei zu formulieren, würden dich viele Menschen auf diesem Planeten beneiden.

So hatte sie es noch nie gesehen. War es doch ihre größte Schwäche, die sie immer zu verstecken versuchte.

Nun, der Rest ist Geschichte. Sie hat ihre vermeintliche Schwäche zu ihrer absoluten Stärke gemacht, von der wir alle heute noch profitieren.

Wenn Schwächen plötzlich zu Stärken werden

Eine sehr ähnliche „Erleuchtung“ hatte ich vor einigen Jahren. Meine Interessengebiete waren immer schon sehr vielfältig. Mal las ich geschichtliche Bücher, mal vertiefte ich mich in Physik. Ich liebe es, mit Worten zu spielen, liebe aber auch Zahlen und Technik. Meine Interessen wechselten sehr schnell, sodass ich mir auf vielen Gebieten ein solides Wissen aneignete, ich aber selten in die Tiefe tauchte. Sobald ich nämlich eine „Ahnung“ von etwas hatte, wurde mir langweilig und ich suchte mir ein neues Thema.

Diese „Sprunghaftigkeit“ zeigt sich auch in meinem Lebenslauf. Alle paar Jahre wechselte ich nicht nur die Fachrichtung, sondern auch die Firmen. Nirgends hielt es mich lange, was bei mir (und auch bei anderen) den Eindruck hinterließ, dass ich zu wenig fokussiert war, zu wenig Ausdauer hatte und viel zu schnell aufgab.

Wirklich haarig wurde es, als ich mich selbstständig machte. Denn plötzlich musste ich mich „spitz positionieren“, musste „Expertin“ für irgendwas sein und mich klar von meiner Konkurrenz abgrenzen können. Ich benötigte eine enge Nische, einen ausdrucksstarken Slogan und ich sollte außerdem wissen, was meine zukünftigen Kund*innen zum Frühstück essen.

Also versuchte ich mich einzugrenzen und mich zu spezialisieren. Was zu einem Eier-Tanz wurde. Denn es folgten Jahre, in denen ich ständig meinen Slogan wechselte – nur um auch einen zu haben und endlich DIESEN einen zu finden. Und ich versuchte einen sehr konkreten Kunden-Avatar zu erstellen, nur um dann festzustellen, dass ganz andere Menschen zu mir ins Coaching kamen.

Das eigene Potenzial erkennen

Bis mir eines Tages ein Licht aufging. Meine Stärke lag nicht darin, dass ich Spezialistin auf EINEM Gebiet war. Sondern ich Allrounderin bin und mit ganz unterschiedlichen Menschen, auf unterschiedlichen Ebenen, aus unterschiedlichen Gebieten zusammenarbeiten kann (ganz gleich, was sie zum Frühstück essen.)

Meine Vielseitigkeit ist meine Fähigkeit, mich in alle Personen hineinfühlen und sie auf ihren individuellen Weg begleiten zu können, ohne sie in ein vor mir festgelegtes Korsett zu zwängen. Es ist meine Stärke, das große Ganze im Blick zu behalten, ohne mich in Details zu verlieren.

Was ich jahrelang als Schwäche sah – unstetig, sprunghaft, keine Ausdauer – entpuppte sich aus einer anderen Perspektive als absolute Stärke.

Nur das musste ich für mich erst erkennen.

Das Schulsystem und die unterschätzten Talente

Wir alle lernen schon sehr früh, was unsere (scheinbaren) Stärken und Schwächen sind. Wobei sich der Fokus primär auf das richtet, was wir nicht so gut können und das wird dann als Schwäche ausgelegt.

Ich verstehe bis heute nicht, warum sich unser Schulsystem und unsere Gesellschaft auf Schwächen stürzt, anstatt auf Stärken. Es sagt nämlich kaum jemand: „Hey, in Mathematik bist du wirklich gut, lass uns da tiefer gehen.“ Stattdessen hören Schüler und Schülerinnen: „In Mathematik bist du ohnehin gut, da brauchst du nicht mehr zu machen. Konzentriere dich lieber aufs Aufsatzschreiben, das ist nämlich eine wirkliche Schwäche von dir.“

Was überbleibt, sind Kinder, die glauben, sie könnten nicht gut rechnen, nicht gut schreiben oder hätten kein Sprach-Gefühl.

Und ganz klar: Wenn der Fokus immer auf unseren Schwächen liegt, dann kennen wir diese zur Genüge und wissen ganz genau, was wir alles nicht können. Haben aber komplett vergessen, was wir gut können und was uns begeistert.

„Eine Schwäche haben“: Die verkannte Stärke

Was aber passiert, wenn wir unsere Perspektive wechseln. Wenn wir nicht mehr nach unseren Stärken suchen, sondern nach unseren Schwächen.

Ich meine aber damit nicht, den Fokus auf das zu legen, was wir nicht können und uns nicht interessiert, wir aber trotzdem versuchen, mit Zwang besser zu werden.

Nein, ich meine damit, das aufzuspüren, wofür wir „eine Schwäche haben“.

Denn die Bedeutung dieser Redewendung ist: sich für etwas (jemanden) begeistern, eine Vorliebe haben, etwas für gut befinden, etwas/jemanden mögen.

Vera von Birkenbihl hatte eine Schwäche fürs Reden – sie liebte es und konnte es dadurch sehr gut. Ich habe eine Schwäche für Abwechslung – was mir ein breites Wissen-Spektrum einbrachte. Ich hatte eine Kundin, die eine Schwäche fürs Detail hatte und sich stundenlang durch Excel-Sheets graben konnte, um einen Fehler zu finden.

Das, wofür wir „eine Schwäche haben“, ist plötzlich aus einer anderen Perspektive eine absolute Stärke. Es ist nämlich das, was uns ganz leichtfällt, womit wir unglaublich viel Zeit verbringen können, was uns begeistert und was wir gut können. Es ist das, wo unser größtes Potenzial steckt, unsere Interessen und wofür unser inneres Feuer brennt.

Die Vision einer Welt, die Stärken fördert

Diese „Schwäche“ zeigt sich meist schon bei den Kleinsten. Es gibt jene Kinder, die sich stundenlang in einem Buch verlieren können und jene, die den ganzen Tag vor sich herplappern (Vera von Birkenbihl). Es gibt jene, die den Menschen in ihrer Umgebung Löcher in den Bauch fragen und alles wissen wollen (das war ich) und jene, die so vertieft in ihre Lego-Konstruktionen sind, dass sie alles rundherum vergessen (meine Kundin).

Jetzt stelle dir nur mal vor, wie unsere Welt aussehen würde, würden wir uns von Klein auf mit dem beschäftigen, wofür wir eine Schwäche haben und wir uns auf diesem Gebiet komplett entfalten könnten.

So eine Welt ist kaum vorstellbar. Überall laufen Menschen herum, die das lieben, was sie tun und das auch noch können. Keine Menschen, die sich verstecken, sich für irgendwas schämen und ständig danach trachten, anders oder besser zu sein.

Braucht es überhaupt eine Bewertung?

Aber das Gute ist, dass es nie zu spät ist, diese, vielleicht in ein Eck gedrängte, Fähigkeit für sich zu entdecken. Denn auch wenn wir versuchen, unsere „Schwächen“ abzutrainieren, sind sie Teil unserer Persönlichkeit und warten nur darauf, sich endlich voll entfalten zu dürfen. Das kann jederzeit und in jedem Alter passieren.

Und für alle ist Platz auf dieser Welt. Für die Vielredner und die Schweiger. Für die Spezialistinnen und die Allrounder. Für die Intuitiven und die Analytikerinnen. Für die Mathematik-Genies und die Sprach-Interessierten.

Und wir dürfen selbst auch alles sein. Wir dürfen manchmal viel reden und manchmal schweigen. Auf einem Gebiet Expert*innen sein und auf einem anderen an der Oberfläche bleiben. Wir dürfen uns von einer Schwäche zu einer Stärke und wieder zurückbewegen.

Wir sind Menschen, wir sind immer in Bewegung und in Veränderung, und haben unendliches Potenzial. Wenn wir das erkennen, dann ist die Stärken- und Schwächen-Suche nicht nur ein sinnloses Unterfangen, sondern wir erkennen, dass es diese Unterteilung weder braucht noch in Wahrheit gibt.

Und falls du jetzt das dringende Bedürfnis verspürst, unbedingt herauszufinden, wofür du eine Schwäche hast, damit du sie endlich in eine Stärke verwandeln kannst. Nein, tu das bitte nicht.

Schließe diese Webseite und tu, wozu du jetzt gerade Lust verspürst.

Wie Sydney Banks immer sagte: Go and live your life.

Mehr gibt es nicht zu tun.

Alles Liebe

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4 Comments

  1. Ingrid 30. Januar 2023 at 17:50 - Reply

    Dieser Artikel tut so unglaublich gut! Jahrelang war (oder bin :-)) auch ich unterwegs gewesen meine Stärken zu finden, um endlich eine Sache richtig gut zu tun und vielleicht damit mehr Geld zu verdienen als mit meinem jetzigen Job, oder um erfüllter zu sein, oder meinen Sinn gefunden zu haben, oder was auch immer.
    Lange hab ich nach dem ‚Einen‘ gesucht, aber meine Interessen waren viel zu vielseitig. Und kaum kannte ich etwas ein bisschen, war es schon wieder langweilig. Das nächste war sogleich spannender. Und hinterher fragte ich mich oft, wozu die vielen ‚zerrissenen‘ Informationen für mich? Und nie kannte ich mich so richtig aus, weil mich die Details in der Tiefe nicht interessierten.
    Aber dafür wurde es in den letzten Jahren spannender wenn ich neuen Menschen begegnet bin. Jeder hat andere Interessen und ich musste nicht mehr dumm nicken, sondern konnte ein bisserl mehr nachfragen mit meinem kleinen Wissen und andere konnten dann noch mehr in die Tiefe gehen und fühlten sich wahrgenommen und verstanden. Und das liebe ich zu vermitteln. Das ist es, was ich will. Nähe und Verbundenheit mit Menschen in Gesprächen zu erleben . (wow, die Sätze entstehen erst gerade so aus mir, so klar war mir das nicht mal).
    Darum suche ich nun dankenswerterweise aufgrund des Schlusssatzes des Artikels nicht danach, wofür ich eine Schwäche habe. Ich lasse mich treiben was mir gerade gut tut, und dann irgendwann war es vielleicht für etwas gut für einen anderen Menschen, und wenn nicht, dann immerhin für mich, und das ist ja sowieso was wir uns doch letztendlich wünschen? :-)

    • Silvia Chytil, M.Sc. 30. Januar 2023 at 18:32 - Reply

      Hallo liebe Ingrid,

      du beschreibst das so schön, wie wir alle unsere Stärken suchen und dann liegen sie direkt vor uns.

      Und so schön, wie die Sätze gerade beim Schreiben aus dir rauskommen. Ja, das passiert oft, wenn wir unserem Innersten einfach mal tun lassen, ohne, dass sich der Verstand einmischt :-).

      Alles, was du bisher getan hast, war für dich gut. Davon bin ich überzeugt. Leider können wir es manchmal nicht sehen. Das heißt aber nicht, dass es nicht da ist.

      Bleib weiter dran, vertrau dir und deinen Entscheidungen. Ich bin mir sicher, wenn du weiter in diese Richtung schaust, wird es klarer und klarer für dich.

      Ganz liebe Grüße 🧡
      Silvia

  2. Michaela Thiede 31. Januar 2023 at 11:00 - Reply

    Liebe Silvia,

    ich habe mich so darin erkannt, „den einen Kundenavatar“ erstellen zu „müssen“.
    Und ich weiß noch genau, wie widerwillig ich mich damit beschäftigt habe, weil mir nicht klar war, welchen Unterschied es macht, ob jemand verheiratet ist oder nicht, in Norddeutschland oder Süddeutschland wohnt oder was er zum Frühstück isst.
    Aber „weil man das so macht und es wichtig ist“, habe ich es auch gemacht.
    Mich sehr bemüht.
    Mir Gedanken gemacht. Immer und immer wieder.
    … und war nie wirklich mit dem Ergebnis zufrieden.
    Zum Glück fühlt es sich für mich jetzt auch nicht mehr wichtig an.
    Und ich musste lachen, als für mich „klar“ war: ich bin mir sicher, dass ich B:C arbeite… und die nächste Klienten eine Kollegin war. Also B:B. 😉

    Danke für deinen Blogbeitrag. 💜
    Ich habe noch mal deutlicher gesehen, dass die Vielseitigkeit auch (m)eine Stärke ist. 😊

    Liebe Grüße
    Michaela

    • Silvia Chytil, M.Sc. 31. Januar 2023 at 11:58 - Reply

      Liebe Michaela,

      hahaha, musste gerade lachen. Wenn für uns etwas „so klar“ ist und das Leben das gar nicht so klar sieht und sein eigenes Ding macht. Habe ich auch so oft erlebt. 😀

      Danke für deinen Kommentar!
      Alles Liebe
      Silvia 🧡

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